Work-Life-Balance, Work-Life-Blending oder Work-Life-Integration?

Was denn jetzt?!?

Die Gründungsstunde der Work-Life-Balance war in der Zeit, in der das Thema Burn-out erstmalig „salonfähig“ wurde. Jede depressive Verstimmung, jeder Bandscheibenvorfall und jede Scheidung wurde auf die langen Arbeitsstunden der ausgebrannten Workaholics zurückgeführt.

Auch heute geht es noch viel darum, zur Arbeit die richtige Balance zu finden. Arbeit wird in diesem Kontext als etwas Böses assoziiert, etwas, das einen absorbieren kann, und daher unbedingt ausgeglichen werden muss. Mehr Freizeit lautet die Verordnung, sich berufen auf Familie, Sport, Quality Time und Spiritualität.

Ich habe nichts dagegen.
Ich sehe allerdings häufig, dass dies dann wiederum in Freizeitstress ausartet und dass sich an dem ausgebrannten Gefühl „auf Arbeit“ nicht wirklich etwas ändert. Wie Zombies schiebt sich der Hauptteil der Gesellschaft zur Arbeit und „wickelt ab“, macht „Dienst nach Vorschrift“. Was fehlt, ist das wirkliche und authentische Dasein – das Ausdrücken der eigenen Persönlichkeit, integriert und ganzheitlich im Arbeitsumfeld. In vielen Firmen wirken noch immer die alten Strukturen: Privates soll außen vor bleiben, es gibt strenge Hierarchien und ein tradiertes Rollen- und Führungsverständnis.

New Work bricht es auf. Und schon lauert die nächste Gefahr: Work Life Blending!
Hier werden vor allem die Auswirkungen beschrieben, die Homeoffice und Remote Work als einen Teil von New Work mit sich bringen können. Die Grenzen zwischen Privatleben und Berufsleben verschwimmen so sehr, dass es keinen wirklichen Halt mehr gibt und die Arbeit latent ins Wohnzimmer und Privatleben einzieht. Wieder läuten die Alarmglocken und genau wie bei dem Versuch von Work Life Balance entsteht zunächst vor allem eines: ein schlechtes Gewissen. ☹️

Wieso ist es so schwer, Arbeit „gesund“ ins Leben zu integrieren? Wieso schließt sich Authentizität im Beruf oft aus? Wieso zählen Aspekte wie Intuition, Verletzlichkeit und Empathie nicht zu den wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft?
Ja, viele Berufsfelder sind einfach durchstrukturiert, erfordern eine bestimmte Präsenz (Office oder am Rechner) und teilweise monotone Abläufe. Sich hier in bunter und facettenreicher Persönlichkeit zu präsentieren, mag erst mal schräg wirken.
Was meiner Meinung nach aber wirklich krank macht und einen starken Anteil hat an Burn-out und depressiven Verstimmungen ist, dass die Persönlichkeit von (Arbeits-)Menschen während der Arbeitszeit beschränkt wird. Dass nur bestimmte Anteile gezeigt/gelebt werden (dürfen) und dass dadurch Vieles unterdrückt wird. Das, was beispielsweise der Körper signalisiert, das Herz und die Seele sich wünschen – auch beim Arbeiten – fließt nicht mit hinein und wird unterdrückt. Dabei ist meiner Meinung nach genau das das Geheimrezept für ein echtes, ausgeglichenes Leben. Denn es geht um den Ausgleich der inneren Anteile, um das Raumgeben der verschiedenen inneren Stimmen und auch dem Nachgehen der körperlichen und seelischen Signale. Hierdurch bildet sich unsere Intuition, hier entwickeln sich auch Blockaden und Widerstände, die leicht zu manifesten Störfeldern in einer Abteilung oder einem ganzen Unternehmen führen können.
Gerade in der aktuellen Zeit realisieren wir nicht nur kognitiv, wie sehr wir gefordert sind. Überforderung, Angst, Stress, Unsicherheit, das alles macht sich vor allem körperlich und seelisch bemerkbar. Und hier besteht die Chance, hinzuspüren und genau dies in Kontakt zu bringen – mit Vorgesetzten, mit der/dem Kolleg*in. Vielleicht darf dann ja auch ein Teil der privaten Anteile stattfinden und das Bewusstsein wachsen, dass Arbeit Leben ist und dass wir entscheiden können, wie wir leben wollen.